Madrid, die Hauptstadt, die größte Stadt Spaniens! Kein Wunder, dass Carranque auch von Herrn Kiehl vergessen worden wäre. Doch der Busfahrer weiß Bescheid. „Wir machen noch einen Zwischenstopp.“ Und der hat es in sich. Doch dazu später mehr.
Beginnen sollte unser Tag mit dem Versuch der Schüler auf Spanisch, jeder mit seiner eigenen Nummer, zählend, die Vollständigkeit der Gruppe zu überprüfen. Gerade für die Lateiner stellt sich dies jedoch als kaum zu überwindende Schwierigkeit heraus. Radebrechen und sehr leise, werden die ersten Zahlen auf die Straße genuschelt, ein Trauerspiel. Nur Frau Justs Engelsgeduld ist es zu verdanken, dass wir überhaupt losgekommen sind. Vollständig…
Auf dem Weg nach Carranque, das mitten im Nichts liegt, fängt die Gruppe an, sich zu fragen, ob eine römische Villa wirklich zwei Stunden unseres Madridtages wert ist. Die etwas morsch aussehende Brücke auf dem Weg zu unseren Führern hilft nicht gerade, die Bedenken zu zerstreuen. Doch als wir endlich angekommen sind, stellen wir schnell fest: Es lohnt sich.
2000 Jahre zuvor. Die Handelsstraße im Herzen Spaniens zieht sich durch das staubige Land. Die Händler aus aller Herren Länder sehen lange nichts, sie ziehen mit ihren Waren Richtung Süden, als in der Ferne plötzlich ein großes Gebäude auftaucht. Der Protzbau mit Säulen aus türkischem Marmor und auch sonst aus den wertvollsten Materialien beeindruckt die Händler und dient lässt sie ihre Waren vielleicht günstiger abgeben, um mit den reichen Römern weiter gute Handelsbeziehungen zu haben. Der Palast wurde ganz in der Nähe der ehemaligen Ölplantage des Herrn Maternus gebaut. Dieser hatte seine Villa, die er wohl von ehemaligen Besitzern der Plantage gekauft hatte mit kunstvollen Mosaiken verziert. Die Geschichten von Pyramus und Thisbe, Adonis und dem Eber und andere mehr hat er hier verewigen lassen. Dass diese Mosaike auch heute noch erhalten sind, gibt uns Gelegenheit, unser Wissen über alte Mythen aufzufrischen, zeugt aber auch eindrucksvoll davon, wie weit die Römer technisch waren und vor allem, wieviel Geld auch damals schon im Spiel war. Gerade die Fußbodenheizung der römischen Villa hat uns alle beeindruckt.
Aber zurück zum Palast an der Handelsstraße. Nach einigen Jahrhunderten wurde er verlassen, was besonders gut für die Westgothen war, als sie, immer auf der Suche nach leer stehenden Häusern, in den Süden kamen. Sie nahmen das Gebäude in Besitz (und den wertvollsten Sarg dazu) und nutzten ihn als Friedhof. Nach den Gothen kamen die Mauren und nach den Mauren die Christen. Immer war das Gebäude in Gebrauch, erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es zerstört und wäre verloren, wenn nicht vor 30 Jahren ein Junge beim Spielen ein Mosaiksteinchen gefunden hätte, das die Ausgrabung der Anlange in Gang gesetzt hat, die uns so viel über die alten Zeiten und die spanische Geschichte erzählt.
Nach dem Besuch in Carranque geht es weiter nach Madrid. Unsere Bustour endete abrupt, weil die Fridays-for-Future-Demonstration das Zentrum der Stadt lahmgelegt hat. Doch unsere Führerin Sonia und uns kann das nicht abhalten: Wir erlaufen uns die Stadt. Der Königspalast, Kirchen und das Stadtleben saugen wir in uns auf, während die Sonne auf uns niederbrennt. Erst zusammen, nach der Führung in kleinen Gruppen. Es gibt einen Vorgeschmack auf das, was man in Madrid sehen und erleben kann, aber wir müssen nochmal wiederkommen…
Die Rückfahrt verläuft ohne große Vorkommnisse, alle sind erschöpft. Das zweite Abzählen klappt besser. Vorsortiert kommen wir ohne große Schwierigkeiten bis 54, alle sind wieder zurück in Toledo. Das Abendessen ist heute erst um 21 Uhr, sodass wir uns noch kurz sammeln können, bevor es wieder losgeht. Nach dem Essen schnell ins Bett, morgen ist Halbzeit.
